Verein Deutscher Sinti e.V. Minden

Bildungszentrum Mer Ketne Wir zusammen!

 

Rückkehr in die Stadt des Ghettos

Jürgen Langenkämper am 08.03.2017

Beeindruckend: Tanja Cummings (links) und Wolfgang Hempel (rechts) diskutierten, moderiert von Nina Pape, nach der Vorführung des Dokumentarfilms „Linie 41“ mit dem Publikum. Das Bildungszentrum „Mer Ketne“ bot einen würdigen Rahmen. (© MT-Foto: Langenkämper)

Minden (mt). Natan Grossman kehrt nach Lodz zurück. Als Jugendlicher hat er im Ghetto von „Litzmannstadt“, wie Lodz unter deutscher Besetzung hieß, gelebt, danach überstand er Auschwitz - einer von nur 10 000 Überlebenden der 160 000 Juden, die auf engstem Raum in Lodz zusammengepfercht waren. 46 000 Bewohner starben so wie die Eltern Grossman im Ghetto, noch mehr Menschen kamen in Vernichtungslagern ums Leben - so wie Ber Grossman, über dessen Tod der jüngere Bruder erst bei der Spurensuche gesicherte Erkenntnisse erlangt.

Tanja Cummings hat den Dokumentarfilm „Linie 41“ über das Ghetto gedreht. Der inzwischen 90-jährige Natan Grossman ist einer der beiden Protagonisten. Der zweite ist Jens-Jürgen Ventzki, der 1944 als Sohn des Oberbürgermeisters Werner Ventzki (1906-2004) in Litzmannstadt geboren wurde.

Im Rahmen der Woche der Brüderlichkeit wurde der Film am Montag im Bildungszentrum „Mer Ketne“ des Vereins der Sinti und Roma in der Königstraße gezeigt. „Im Film kam es zur allerersten Begegnung der beiden“, sagte die Regisseurin in der anschließenden Diskussion. Erst nach dem Tod des Vaters konnte sich Jens-Jürgen Ventzki vollständig aus dem Schatten des Vaters lösen, der bis an sein Lebensende ein überzeugter Nazi geblieben sei. Der Sohn wirft dem Vater heute vor, bis an sein Lebensende die Wahrheit verschwiegen und gelogen zu haben.

In der Stadt, die während des Zweiten Weltkrieges dem „Großdeutschen Reich“ einverleibt war und vollständig „germanisiert“ werden sollte, lebte auch ein Mindener Junge: Wolfgang Hempel. Der Spross einer alteingesessenen Kaufmannsfamilie war zum Patenonkel nach Lodz geschickt worden, weil die wegen der Abwesenheit des Vaters an der Front stark strapazierte Mutter entlastet werden sollte. Auch wenn der für seine vielfältigen kulturellen Verdienste zum Prof. h. c. ernannte frühere Archivar des Südwestfunks gestand, sich nicht mehr an alle Dinge dieses einen Jahres in Polen erinnern zu können, so bot er doch eindrucksvolle „Mosaiksteine“, denn im Gegensatz zu den meisten seiner Mitschüler in Minden war er im Osten gewesen.

So sagte eines Tages der Fahrer seines Onkels, eines Polizeioffiziers in der Schutzpolizei, über das Ghetto: „Man müsste in dieses Ungeziefer eigentlich täglich reinschießen.“ Was er aufgrund seiner Erziehung im NS-Staat damals nur zur Kenntnis nahm, sah Hempel schon sehr bald mit kritischeren Augen: „Es gab kein Mitgefühl, es gab nur Verachtung.“ Auch in Minden sei nicht problematisiert worden, dass es seit Oktober 1941 erste Transporte deutscher Juden nach Lodz gegeben habe.

Nach 1945 habe er als 14-Jähriger erkannt, „dass die Erwachsenen uns belogen haben“, erzählte Wolfgang Hempel. Er sei „gegenüber Erwachsenen außerordentlich kritisch“ geworden. „Für mich war diese Generation nicht mehr glaubwürdig.“ Im weiteren Verlauf seines Lebens habe er sich für die deutsch-polnische und die deutsch-jüdische Versöhnung eingesetzt. Auch dass der Film im „Mer Ketne“-Zentrum gezeigt wurde und der Vorsitzende der Moses-Mendelssohn-Stiftung, Julius H. Schoeps, zur Eröffnung der Woche der Brüderlichkeit in Minden sprach (MT vom 6. März), ist den Kontakten und Netzwerken des gebürtigen Mindeners zu verdanken, der seiner Heimatstadt eng verbunden geblieben ist.

Problematisiert wurde in der Diskussion aufgrund von Nachfragen aus dem Publikum auch, dass Anfang der 1950er-Jahre viele alte Nazis wieder in Führungspositionen in Verwaltung, Schule und Justiz kamen. Gemeinsam erinnerten Wolfgang Hempel und Oswald Marschall, der Vorsitzende des Vereins Deutscher Sinti in Minden, daran, mit welch Haar sträubendem Urteil der Bundesgerichtshof Mitte der 50er Wiedergutmachungsansprüche von „Zigeunern“, wie sie diskriminierend hießen, zurückgewiesen hatte. Dafür entschuldigte sich das Gericht erst in jüngster Zeit.

Der Dokumentarfilm „Linie 41“, benannt nach einer Straßenbahnlinie, die durch das Ghetto führte, soll zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal in der Region gezeigt werden - dann möglichst mit einer Diskussion mit Natan Grossman und Jens-Jürgen Ventzki.

Copyright © Mindener Tageblatt 2017
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.     www.MT.de